Wie gehen Sparkassen mit der fortschreitenden Digitalisierung um? Welche Chancen und Vorteile nutzen sie? Und wie bewerten sie die Zusammenarbeit innerhalb der Finanzgruppe?
Über diese Themen sprechen Dr. Bernd Hochberger, Vorsitzender des Vorstands der Stadtsparkasse München, Bernd Jung, Vorsitzender des Vorstands der Sparkasse Essen, und Dr. Michael Stollarz, Vorsitzender der Geschäftsführung der DSV-Gruppe
Die Stadtsparkasse München gilt als führende digitale Sparkasse: Wie halten Sie Ihren Digitalisierungsfahrplan ein, Herr Dr. Hochberger?
Dr. Bernd Hochberger: Entscheidend ist es, agil zu handeln und dies auch gemeinsam mit den Partnern in der Finanzgruppe – etwa im Rahmen der DSGV-Projekte Digitale Agenda und KI in der Sparkassenpraxis.
Und die Sparkasse Essen?
Bernd Jung: Wir liegen im Plan und verfolgen das Ziel, alle digitalen Lösungen der Finanzgruppe zu nutzen und davon zu profitieren. Zudem treiben wir digitale Prozesse voran, haben eine klare Aufgabenteilung und den Mut, Neues wie Data Analytics auszuprobieren. Unser Digitalisierungskoordinator steuert alle digitalen Themen und gibt auch strategische und operative Impulse. Gegründet haben wir jüngst ein eigenständiges Referat für digitale und innovative Themen.
Was rückt aktuell in den Fokus?
Jung: Derzeit konzentrieren wir uns auf die Rollout-Pilotierung von ‚rudi‘. Mit dem ‚Cockpit Immobilie‘ digitalisieren wir alle Themen rund um Immobilien und verknüpfen sie mit der sparkasseneigenen Energieberatung ProEco Rheinland. Das schafft einen echten Kundenmehrwert mit USP. Weitere Themen sind Wero, PAYBACK oder auch PPS-Prozesse und der Ausbau der automatisierten Kundenansprache via IAM. Die DSV-Gruppe ist unser wichtiger Umsetzungsbegleiter.
Hochberger: Wir haben zwei Schwerpunkte in diesem Jahr. Das sind einmal der flächendeckende Einsatz der Künstlichen Intelligenz sowie die fortlaufende Prozessoptimierung, zum Beispiel in der Kreditanalyse oder im Online-Vertrieb. Konkret sind der Wechsel auf die Linda+ Plattform, die Einführung von Linda+ Voice sowie der Ausbau der Mehrsprachigkeit in allen Kanälen wichtige Themen, die auf unsere Kundenorientierung einzahlen.
Mit welcher KI-Strategie begleitet die DSV-Gruppe ihre Kunden?
Dr. Michael Stollarz: KI ist kein Selbstzweck. Deshalb entwickeln wir unsere Kundenlösungen basierend auf konkreten Aufgabenstellungen und auf drei strategischen Säulen. Erstens setzen wir auf bestehenden Lösungen auf und integrieren die KI in unsere Produkte sowie Prozesse für Sparkassen, Verbundpartner und Kommunen. Zweitens verwenden wir die KI für unsere eigenen Prozesse in Service, Qualitätssicherung, Entwicklung oder auch im Marketing. Dabei gründen unsere eingesetzten KI-Bausteine auf Eigenentwicklungen und ausgewählten Technologiepartnerschaften. Und drittens bringen wir Content für eine breite Zielgruppein öffentliche Modelle.
Und welche wichtigen Innovationen stehen aktuell im Fokus?
Stollarz: Das sind Innovationen, mit denen die Institute ihre Marktposition stärken können. Zum Beispiel mit SparkasseGPT und den neuen themenspezifischen wie auch nutzwertigen CustomGPTs. Die jüngst erweiterte Zusammenarbeit mit unserem Technologiepartner OpenAI bietet dafür optimale Voraussetzungen. Neben digitalen Services für den analogen und digitalen Filialbetrieb optimieren wir aktuell mit KI die IAM-Ansprachen. In EBIL pro integrierten wir zuletzt die Business KI mit der Risikoadjustierten Analyse und die scanning Business KI für den automatisierten Offenlegungsprozess. Der neue ‚SVP KI Analyst‘ beschleunigt künftig die betriebswirtschaftliche Kennzahlenanalyse in den Sparkassen.
Mit der Vielzahl digitaler Lösungen steigen die Anforderungen an die Mitarbeitenden. Wie gehen Sie damit um?
Hochberger: Wir schulen regelmäßig und individuell. Jede Abteilung hat unterschiedliche Bedürfnisse, auf die wir gezielt eingehen, etwa mit Ansprechpersonen in jeder Einheit und persönlichen IT-Sprechstunden für unsere Beschäftigten. In diesen Kontext passen auch die mit der DSV-Gruppe entwickelten Lösungen wie die Lern-App simpleclub. All das erhöht die Akzeptanz.
Jung: Auch wir nutzen vielfältige Lernangebote, um die Mitarbeitenden für die Digitalisierung zu begeistern. Es geht darum, die Chancen zu erkennen und nicht zuerst die Risiken zu suchen. Dabei kommunizieren wir klar, dass die KI entlasten und keine Menschen ersetzen soll.
Hilft der Digitalisierungsschub gegen den Fachkräftemangel?
Jung: Ja, denn digitale Lösungen entlasten uns. Dazu gehört aber auch, dass wir im Kundenkontakt unser wachsendes Angebot an Online-Services bekannt machen müssen, um Akzeptanz dafür zu schaffen.
Hochberger: Die standardisierten Lösungen und Prozesse für die Finanzgruppe unterstützen und entlasten bereits die Mitarbeitenden und bilden die Grundlage für die Weiterentwicklungen. Insofern sehe ich die Finanzgruppe gut aufgestellt für die Zukunft.
Stollarz: Die Feedbacks von Sparkassen bestätigten die Effizienzgewinne durch unsere Lösungen. Damit Sparkassen das Potenzial möglichst zügig und mit wenig Aufwand ausschöpfen können, unterstützen wir sie beim Implementieren der Lösungen. Entlastung zeichnete sich in einer Testphase auch bei unseren internen Prozessen ab, etwa in den Redaktionsprozessen und der Softwareentwicklung.
Mit welchen Entwicklungen am Markt rechnen Sie?
Hochberger: Die Kund:innen von morgen erwarten einfache und medienbruchfreie Lösungen. Das ändert nichts am Bekenntnis zu unseren Filialstandorten. So haben wir für Studierende mit „barer41“ eigens einen Standort für ein integriertes analoges und digitales Kundenerlebnis geschaffen. Wichtig ist, unsere Beschäftigten weiterhin in Digitalisierungsprojekte zu entsenden. Konkret werden wir derzeit unsere Self-Service-Prozesse ausbauen und auch die EU-Wallet inklusive eID vorantreiben.
Jung: Mit Blick auf die junge Zielgruppe stellt sich die Frage: Wie erreichen wir sie am besten? Und wie Herr Dr. Hochberger schon sagte: Wir brauchen einfache, smarte Lösungen. Wir müssen uns als starke Alternative zuNeobrokern positionieren. Dafür sind frische Ideen und intensive Kommunikation nötig. Doch mit vereinten Kräften wird es uns gelingen, als führende Finanzgruppe bei jungen Kund:innen stärker zu punkten.
Stollarz: Wichtig für die Sparkassen ist der forcierte Ausbau des digitalen Vertriebs, den wir im Rahmen des Projekts Vertrieb der Zukunft Privatkunden 2.2 mit optimierten Kundenreisen intensiv pushen können. Insgesamt entwickeln wir vermehrt Lösungen mit hochgradig fachlich spezialisierten Einheiten und internationalen Partnern und bringen so auch bestehende Lösungen auf ein neues Level. Ich gehe von einer noch engeren Zusammenarbeit im Verbund aus, um personelle und finanzielle Ressourcen optimal zu bündeln.
Wie nehmen Sie die DSV-Gruppe in puncto Entwicklung, Einführung und Implementierung von Tech- und KI-Lösungen wahr?
Hochberger: Wir schätzen sie als einen verlässlichen Partner mit einer breit gefächerten Themenkompetenz. Ganz selbstverständlich tauschen wir uns über neue Themen aus – mit dem Ziel, gemeinsam die besten Lösungen zu finden und voranzutreiben.
Jung: Die DSV-Gruppe ist für uns Zukunftsforscher, Trend-Seismograf und Fortschrittsmotor zugleich. Digitalisierung gelingt nur als Gemeinschaftswerk in der Finanzgruppe. Mit Blick auf eine abgestimmte digitale Ausrichtung und ein einheitliches Vorgehen im Verbund spielt die DSV-Gruppe hier eine Schlüsselrolle.
Und wie geht die DSV-Gruppe mit den Herausforderungen und wachsenden Kundenerwartungen um?
Stollarz: Als Innovationspartner und Impulsgeber sind wir gefordert, fortlaufend unser Leistungsspektrum mit praktischen Lösungen für unsere Kunden zu erweitern. Internationale Kooperationen wie mit OpenAI, IBM oder Microsoft sollen deshalb auch weiterhin unsere Entwicklungsdynamik stärken. Auf diesem Weg werden wir mit dem technologischen Fortschritt Schritt halten können. Natürlich gemeinsam im Verbund und im Rahmen der zentralen Projektarbeit innerhalb der Sparkassen-Finanzgruppe.
Unser neues Kundenpanel REFLECT hilft uns dabei, die Lösungen richtig priorisiert und nah am Bedarf der Sparkassen zu entwickeln.