„Die Marktmacht nutzen“

E-GOVERNMENT: Drei Experten bewerten den Stand der Dinge auf dem weiten Weg zu digitalen Rathäusern – und die Rolle der Sparkassen dabei.

Interview mit: Pranjal Kothari (Vorstandsmitglied und Chief Digital Officer der Sparkasse Bremen), Dr. Gerd Landsberg (Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes) und Ralf Linden (Geschäftsführer der S-Public Services)

Was macht die Digitalisierung der Rathäuser und kommunalen Unternehmen so anspruchsvoll?

„Die Marktmacht nutzen“
Gerd Landsberg

Dr. Landsberg: Dieser Prozess muss sehr viele verschiedene Bereiche einbeziehen sowie eine große Zahl digitalisierter Leistungen. Dagegen hat etwa Amazon im Grunde nur eine Leistung digital abzubilden: die Bestellung von Waren. In Kommunen und im öffentlichen Sektor ist das viel komplexer. Zwar sehen wir kontinuierlich Fortschritte, aber der Weg ist noch weit. Auch wegen fehlender finanzieller Möglichkeiten. Digitalisierung kostet Geld und es dauert, bis man Effizienzgewinne und Einspareffekte erzielt.

„Die Marktmacht nutzen“
Pranjal Kothari

Kothari: Ich teile diese Einschätzung. Und da, wo digitale Angebote existieren, sind sie oft so kompliziert, dass man sie nur ungern nutzt. Meine Hoffnung ist, dass wir gemeinsam deutlich einfachere Lösungen hinbekommen, Stichwort ‚userfriendly‘.

Linden: Nicht jede Kommune sieht die Dringlichkeit und manches Land spekuliert lieber auf Verlängerung der Frist für das Onlinezugangsgesetz. Teilweise schwierig gestaltet sich derzeit auch noch die Zusammenarbeit zwischen den kommunalen Rechenzentren und den Rathäusern sowie die Bereitstellung der OZG-Leistungen.

Was ist besonders herausfordernd beim Umsetzen der OZG-Dienstleistungen?

„Die Marktmacht nutzen“
Ralf Linden

Linden: Dazu drei Zahlen: Es gibt rund 600 Fachverfahren mit etwa 6.000 Verwaltungsvorgängen. Im Schnitt über alle Bundesländer sind derzeit erst 16 digitale Formulare bereitgestellt.

Dr. Landsberg: Auch ein gutes Jahr vor dem Stichtag fehlt es an klaren Informationen von Bund und Ländern: Wie funktioniert die Weitergabe der Leistungen an die Kommunen vergaberechtlich? Wie die Finanzierung ab 2023? Ein derart ambitioniertes Umbauprojekt über drei föderale Ebenen und unzählige Beteiligte hinweg ist nur schwer zu greifen. Daher appellieren wir, sich auf wenige stark nachgefragte Leistungen zu konzentrieren und diese dafür ‚richtig‘, also durchgehend zu digitalisieren.

Kothari: Genau, zuerst anbieten, was einfach umsetzbar und nutzbar ist. Natürlich datenschutzkonform und regulatorisch korrekt – aber nicht zu komplex für Anwender. Warum 130 Prozent Sicherheit anstreben, wenn 100 Prozent genügen? Kundenseitig müssen zehn oder zwanzig Prozent Ausprobierer ein Angebot ins Laufen bringen. Nach meinen Erfahrungen in drei Bundesländern funktioniert das digitale Rathaus mehr schlecht als recht. Warum muss ich zwei Monate auf einen normalen Bürgerservice-Termin warten? Geht das nicht online? Wenn wir hier einen Weg fänden, mit dem viele Bürger einverstanden wären, würde das alle Beteiligten enorm entlasten und Kosten sparen.

Welche Rolle spielen die Sparkassen vor Ort?

Kothari: Als traditioneller Partner der Kommunen wollen wir ihre erste Adresse sein.

Linden: Für uns sind die Enabler, die im direkten Austausch den Kontakt zu den Kommunen pflegen. Das sind gewachsene Beziehungen, die uns helfen, unsere Lösungen weitgehend flächendeckend zu vertreiben.

Kothari: Das meine ich: Services sollten möglichst über die kommunalen und Landesgrenzen hinaus funktionieren. Wenn wir einfache Lösungen anstreben, sollten wir sie auch vereinheitlichten.

Linden: Die S-Public Services will genau die Plattform sein, die allen Kommunen zentrale Leistungen bereitstellt: etwa fürs Bezahlen im E-Government. Denn zwei von drei Kontakten der Bürger mit der Kommune enden mit einem Bezahlvorgang – und der gehört zur DNA einer Sparkasse. Das Vertrauen ist hier gegeben. Solche Lösungen sollte der Staat bei den Kommunen einfordern.

Was läuft speziell in Bremen?

Kothari: Ein gutes OZG-Beispiel ist das Projekt ELFE des Landes, das wir pilotieren. ,Einfache Leistungen für Eltern' ist ein Elterngeld-Modell, bei dem man online wenige Fragen beantwortet – und damit ist von der Geburtsurkunde bis zum Elterngeld alles erledigt. Auf die Stadt gehen wir mit folgender Idee zu: Warum nicht bürgernahe Leistungen auch in der Sparkasse anbieten? Einen Mix aus lokalen und digitalen Bürgerservices. Die Filiale ist ja bereits Vertrauensstelle und in der Fläche vertreten. Legitimieren und beantragen liefe via Online-Banking. In der Filiale holt man die Leistung dann ab, zum Beispiel den Reisepass.

Linden: Über diese bürgernahe Anlaufstelle denken auch wir nach und unterstützen das, wo immer es technisch sinnvoll und übertragbar ist. Akzeptanz schaffen würde etwa eine Identifikation übers Online-Banking; der Staat favorisiert momentan den digitalen Personalausweis.

Was erwarten Kommunen von Sparkassen?

Dr. Landsberg: Sparkassen verfügen über beachtliche digitale Expertise, von der die Rathäuser lernen können, gerade in puncto Veränderungsmanagement. Und wir sind froh, dass sie über die S-Public Services das digitale Bezahlen verfügbar machen.

Kothari: Unsere digitalen Bezahllösungen sind ein gutes Praxisbeispiel und sie werden sich weiterverbreiten. Wie gesagt sind wir bereit zu Bürgerservices. Natürlich muss es sich auch rechnen. Als Finanzierungspartner sind wir mit der Stadt in ersten Gesprächen über einige Digitalthemen.

Linden: Die Kommunen wünschen sich Unterstützung durch die Marktmacht der Sparkassen, denn diese haben Zugang zu den Bürgern und die Kompetenz beim sicheren Bezahlen. Kommunen wollen an den Erfahrungen der Sparkassen teilhaben.

Was wird von der S-Public Services erwartet?

Kothari: Ich sehe vor allem ihre wichtige Rolle als Zentralisierer, der schnell und kostengünstig Standardlösungen bereitstellt. So kann die DSV-Gruppe eine enorme Rolle spielen bei der bundesweiten Verbreitung; die Kompetenzen sind ohne Zweifel vorhanden.

Linden: Und umgekehrt erfahren wir bundesweit von unterschiedlichsten Themen in Sparkassen und Kommunen. Diese bewerten wir und zentralisieren die aktuell besonders gefragten. Die Multi-Bezahllösung Giro-Checkout etwa konnten wir etablieren, weil wir uns eng mit Marktteilnehmern sowie Rechenzentren austauschen und flächendeckend dank der Sparkassen präsent sind. So wollen wir der Erwartung entsprechen, möglichst unmittelbar nutzbare Lösungen für das Kommunalkundengeschäft der Sparkassen anzubieten. Die Transaktionen werden mit der OZG-Umsetzung steigen.

Dr. Landsberg: Solche Angebote müsste man noch breiter bekannt machen, was wir als kommunaler Spitzenverband unterstützen.

Linden: Wir sind dran, unsere Zugehörigkeit zur Finanzgruppe und unsere Angebote stärker publik zu machen. Darunter beispielsweise Produkte wie den Ticketingservice, den wir über die Sparkassen in die Zielgruppe tragen. Dabei positionieren wir uns klar als paymentzentrierter Lösungsanbieter. Hier hilft auch, dass der Städte- und Gemeindebund als Multiplikator wirkt und uns als Themenpartner empfiehlt.

Ansprechperson für Journalist:innen
Andrea Steinwedel

Referentin Unternehmenskommunikation


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